Journal

Oktober 2017

Journal Oktober 2017

JESUS IN NAZARETH, BETHLEHEM, ÄGYPTEN UND AM JORDAN

Im abgelegenen Nazareth

Nach der Erwählung des Vorläufers des Messias aus einer einfachen und unbekannten Priesterfamilie tut Gott das zweite Erstaunliche, er wählt für den Messias selber eine einfache galiläische Familie aus, in einem unbekannten Dorf irgendwo im unfrommen Galiläa. Die Herausforderung für die bekannten Priester und Gelehrten im Land war perfekt. Galiläa war zur Zeit Jesu der fruchtbare Teil Israels, kultiviert und voller Olivenhaine, Fruchtplantagen, bewässerter Gärten, Feigenbäume, Palmen und Weideland. Galiläa lag an den grossen Handelsrouten des damaligen Welthandels. In Nazareth wohnten Menschen, die als Priester im Tempel ihren Dienst verrichteten, wie Zacharias, und die gleichzeitig beteiligt waren an den Geschäften, welche typisch waren für Orte an belebten Handelsrouten. In Nazareth, wie in den anderen galiläischen Dörfern, war der Einfluss der religiösen Kontrolle jedoch geringer. Es gab bedeutend mehr Freiheit, alles war etwas echter und einfacher als in Judäa. Hier wählt sich der Herr einen Mann aus, Joseph, der aus der königlichen Abstammung von David war ebenso wie seine Verlobte Maria.

Joseph und Maria waren verlobt. Das bedeutete, dass der Ehevertrag unterschrieben war, alles Nötige und Dazugehörige geklärt war, aber das Hochzeitsfest stand noch aus. Bis zu diesem Fest war völlig klar, dass die beiden zuhause wohnten und sich auf die Hochzeit vorbereiteten. Niemand in Israel würde etwas anderes tun, zusammenwohnen vor der Hochzeit war undenkbar. Aber rechtlich war alles vollzogen, ein Auseinandergehen wäre ab dieser Verlobung einer Scheidung gleich gekommen. Die Tatsache, dass Joseph nach der Geburtsgeschichte nicht mehr erwähnt wird, und die Reaktion Marias auf die Engelserscheinung legen nahe, dass beide aus einfachen Verhältnissen kamen. Ihre Herzen waren bescheiden, demütig, offen, wie es Menschen aus dem Dorf oft sind.

Sechs Monate nachdem Gabriel Zacharias erschienen war wird er nun nach Nazareth gesandt, zu der Jungfrau Maria. „Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüsst, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruss ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. Der wird gross sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben. Und Maria sprach zu dem Engel: „Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiss? Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wir dich überschatten darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden.“ (Lk 1,28-35) Maria, im Gegensatz zu Zacharias, geht innerlich mit, auch wenn sie Fragen hat, und am Schluss stellt sie sich in die wundersamen Pläne Gottes hinein: „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“ (Lk 1,38)

Nun hat Joseph ein Problem. Einige Monate später muss es gewesen sein, dass er bemerkt, dass seine Maria schwanger war. Gottesfürchtig wie er war, wollte er sie heimlich verlassen, um sie vor allzu viel Schande zu bewahren. Da erscheint nochmals der Engel des Herrn, dieses Mal dem Joseph, und spricht ihn als „Sohn Davids“ an (Mt 1,20). Er solle dem Kind den Namen Jesus (Jeschua, verwandt und gleichbedeutend mit Joschua, Josua und Jeschaja, Jesaja) geben, da er Israel von seinen Sünden retten wird. Damit weiss Joseph, um was es geht. Er wurde von Gott ausgewählt, um den Messias als Geschenk aus dem Himmel in seiner Frau zu empfangen und ihm ein menschliches Zuhause zu geben, wo er aufwachsen und in seine Berufung hinein kommen könne.

Bethlehem in Judäa

Nicht nur Micha 5,2 (wie zitiert in Mt 2,5f.), auch rabbinische Lehre wies auf Bethlehem als Geburtsort des Messias hin. Dies war eine allgemeine Annahme im Land. Der römische Kaiser Augustus führte eine Volkszählung durch, auch in den Staaten, die wie Israel Randprovinzen und tributpflichtig gegenüber Rom waren. Ziel des Kaisers war eine bessere künftige Steuereintreibung. Als Nachkommen Davids war es für Joseph und Maria klar, nach Bethlehem zu gehen, um sich in ihrer Heimatstadt registrieren zu lassen. Dies war für sie wohl auch eine gute Gelegenheit, von Nazareth wegzugehen, um dem Gemunkel über ihre merkwürdigen Verhältnisse zu entfliehen. Wahrscheinlich wollten sie überhaupt in Bethlehem bleiben und dort ansässig werden (Edersheim, 129). Die Reise Nazareth Bethlehem dauerte mindestens drei Tage und war beschwerlich, welche Route sie auch immer nahmen. Es war Winter, Regenzeit, kühl im Land, die Wege aufgeweicht und schwierig zu begehen. Als die Wanderer die Felder um Bethlehem erreichten, überkam sie Erleichterung. Hier war es zwar oft richtig kalt, denn die Stadt liegt fast tausend Meter über Meer. Die Ruhe um Bethlehem aber erinnerte die Meisten an die Zeiten von Ruth und Boas, von Jesse und David, welche die Stadt erlebt hatte. Nun aber war Bethlehem überfüllt mit all den Nachkommen Davids, jedes Haus voller Menschen, die Herbergen hatte kein Bett mehr frei.

Die einzigen Unterkunftsmöglichkeiten waren noch die Ställe mit den Tieren. Hier war die einfachste Übernachtung möglich. Und genau hier kehrten Joseph und Maria ein. Schlichter und einfacher konnte es nicht mehr werden. Nicht nur kein Luxus, nicht einmal ein Bett, nur Stallgegenstände und die Wärme durch den Atem der Tiere und dazu der Geschmack durch ihren Abfall. Draussen hielten Hirten Wache über den Herden, deren Tiere vor allem für den Opferdienst im Tempel des nahegelegenen Jerusalems dienten. Es war Nacht geworden in Bethlehem, wohl die Nacht des 25. Dezembers des Jahres 7 v.Chr. (vor Christus, da man später sieben Jahre falsch zählte und der Kalender sich verschob). In dieser winterhaften Nacht merkte Maria, dass die Wehen kamen. Sie war erschöpft, Joseph auch, beide mussten in ihren Herzen jetzt auf die Hilfe Gottes gehofft haben, sonst würde die ehedem risikobeladene erste Geburt nicht zu überstehen sein. „Als sie dort waren kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. Und es waren Hirten in dieser Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch grosse Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland (Retter) geboren, welcher ist Christus (Messias), der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: ihr werdet das Kind finden in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und sofort war bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre (Herrlichkeit) sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen des Wohlgefallens.“ (Lk 2,6-14)

Gott reisst den Himmel auf, seine Gegenwart und Herrlichkeit, sein Licht und seine Klarheit kommen auf die Hirtenfelder Bethlehems herunter! Der Himmel berührt die Erde, Gottes Sohn wird Mensch, und die Ärmsten schauen das grösste aller Wunder. Sie sind überwältigt, bekommen Angst, und sofort hören sie die wunderbare Botschaft, dass jetzt kein Grund zur Angst ist, sondern die Zeit grosser Freude anbricht, und das für das ganze Volk. „Heute ist der verheissene Retter geboren“, hören sie klar und deutlich, und es ist der Messias, der lang ersehnte Gesalbte des Herrn. Und dann das Zeichen, welch wundersames Zeichen, kein Königsthron, keine Priester und Tempelherrlichkeit, ein Kind (Jes 7,14)! In Windeln gewickelt, in einem Stall ganz in der Nähe! Und nun geht die himmlische Bühne vollends auf: Das ganze versammelte himmlische Heer von Anbetern lobt Gott über dem allem, gibt ihm die Ehre und alle Herrlichkeit und besingt die Tatsache, dass Friede auf diese Erde kommt und dass alle Menschen ein Wohlgefallen Gottes sind! Sie, die armen Hirten, sind ein Wohlgefallen für den Herrn, er liebt sie so sehr, dass er ihnen zuerst seinen lieben Sohn offenbart. Sofort gehen sie hin und finden alles genau so, wie sie es gehört haben. Ohne Zögern machen sie die frohe Botschaft allen kund, die in und um Bethlehem waren. – Maria aber bewegte dies alles in ihrem offenen Herzen (Lk 2,19).

Das Geschehen in Bethlehem ist von solch unermesslicher Grösse, dass die Menschen aller Jahrhunderte darüber nachgesinnt haben. Sie entdeckten immer noch grössere Tiefen der Menschwerdung Gottes in seinem Sohn. Thomas von Aquin, der grosse Gelehrte des Mittelalters, findet nicht zum Staunen hinaus und schreibt Dinge darüber, die wir heute noch als Perlen empfinden. Er sagt, die Macht Gottes hat in der Menschwerdung Jesu das grösste aller Wunder gewirkt. „Die Menschwerdung Gottes ist ein Werk der göttlichen Liebe. ‚Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn dahingab’ (Joh 3,16). Doch die Liebe drängt den Liebenden, sich den Freunden soweit nur immer möglich mitzuteilen.“ Jesus wollte, so fährt Thomas fort, „in seiner menschlichen Natur ‚der Erstgeborene unter vielen Brüdern sein’ (Röm 8,29). Die Liebe Gottes zu uns Menschen offenbart sich nicht bloss durch die Annahme der menschlichen Natur, sondern hauptsächlich durch das, was er in dieser Natur für die anderen Menschen gelitten hat.“

„Die erste Schöpfung ist aus der Kraft Gottes des Vaters durch das Wort hervorgegangen. Darum musste auch die neue Schöpfung aus der Kraft des Vaters durch das Wort geschehen, damit die zweite Schöpfung der ersten entspreche. ‚Gott hat die Welt in Christus mit sich versöhnt’ (2.Kor 5,19). Die Menschwerdung führte im gewissen Sinne zu einer Neuschöpfung der menschlichen Natur (Gal 6,15). Der Zweck der Menschwerdung war nach dem Evangelium die Vergebung der Sünden. Das Geheimnis der Menschwerdung hat die Menschen zur wahren Gotteserkenntnis geführt. ‚Dazu bin ich geboren und dazu bin ich in die Welt gekommen, um der Wahrheit Zeugnis zu geben’ (Jh 18,37). Durch die Menschwerdung erlangten die Menschen die Gnade der Gotteskindschaft.“

Jesus ist der Sohn Gottes von Ewigkeit her. Der Vater hat ihn gezeugt, nicht geschaffen wie die übrige Natur und Menschheit, so bezeugen es die Konzile später in richtiger Weise. Wie dies geschah, können wir nur ahnen. Sicher war es keine Zeugung wie menschliche Zeugung geschieht, auch nicht so wie die Götter gezeugt wurden aus einer Urgottheit oder Ursubstanz oder aus männlichen und weiblichen Gottheiten in den religiösen Vorstellungen der Nachbarn Israels, und auch nicht wie es sich der Islam vorstellt als Vereinigung von Gott Vater mit Maria. Der Vater und Ursprung von allem hat seinen Sohn aus sich heraus „gesetzt“ oder besser eben „geboren“. Augustin beschreibt es so: „Jene Natur, die aus dem Vater ewig gezeugt wird“, und Thomas fügt dem bei: „das heisst die der Sohn in ewiger Zeugung vom Vater empfängt“. Und diese göttliche Natur hat in Jesus unsere Natur sündlos angenommen. „Und so ist es auch aufzufassen, wenn die Natur als „fleischgeworden“ bezeichnet wird: sie hat sich nicht in Fleisch verwandelt, sie hat die Natur des Fleisches angenommen. In Christus ist die menschliche Natur von Gott angenommen worden. Ebenso werden auch die Menschen durch die Gnade von ihm angenommen (Röm 14,3). Die Annahme der Gotteskinder durch die Gnade führt zu einer gewissen Teilnahme an der göttlichen Natur nach dem Mass unserer Verähnlichung mit Gottes Güte. Petrus bezeichnet uns als „Teilhaber an der göttlichen Natur“ (2.Pt 1,4). Durch die Menschwerdung erlangten die Menschen die Gnade der Gotteskindschaft. ‚Ihr habt nicht den Geist der Knechtschaft empfangen, so dass ihr euch von neuem fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen’ (Röm 8,15). Die Sohnschaft durch Annahme aber ist Teilhabe und Ähnlichkeit mit der natürlichen Sohnschaft.“

Ein Zeitgenosse von Thomas aus dem 13. Jh. mit fast denselben Lebensdaten war Gregory Bar-Hebräus, ein hebräischer Christ, dessen Vater in Jesus den Messias gefunden hatte. Gregory war Historiker, Arzt, Philosoph und Theologe. Er war Bischof von Guba (1246), von Lakaba (1247) und von Aleppo (1253). Seine Werke schrieb er in Arabisch und mehr noch in Syrisch. Darunter finden sich ein Kompendium von Theologie, Philosophie, Medizin, Physik und Metaphysik und seine Bände über das Alte und Neue Testament. (Bernstein. Some Jewish Witnesses for Christ) Hier sollte als erster einer von ihnen wenigstens erwähnt werden, um zu zeigen, dass die Kirchen- und Theologiegeschichte immer eine Geschichte von Jesus Gläubigen aus den Juden und den Heiden war, also keine „christliche“ Geschichte, in der die Juden ausgeklammert waren, obwohl dies immer wieder versucht wurde und die jüdischen Gläubigen zu Christen gemacht wurden. Heute wollen wir die ganze Realität wieder darstellen und uns zu einer Geschichte bekennen, die immer, durch alle Jahrhunderte hindurch, die gemeinsame Geschichte von Juden und Heiden war, die ihren gemeinsamen Glauben an Jesus hatten, obwohl dies praktisch nie erlaubt noch zugelassen noch erwünscht war.

Einer der ersten Lehrer der nachapostolischen Zeit war Ignatius, Bischof von Antiochien. Auf seinem Weg nach Rom, wo ihn das Martyrium erwartete, verfasste er Anfang des 2.Jh.n.Chr. sieben Briefe, in welchen er die Inkarnation zum Prüfstein jeder richtigen Lehre machte. „Seid also taub, wenn jemand zu euch redet ohne Jesus Christus, der aus dem Geschlecht Davids, aus Maria stammt, der wahrhaftig geboren wurde, ass und trank, wahrhaftig verfolgt wurde unter Pontius Pilatus, wahrhaftig gekreuzigt wurde und starb, während alles was im Himmel, auf Erden und unter der Erde ist, zuschaute, der auch wahrhaftig von den Toten auferweckt wurde, indem ihn sein Vater auferweckte, ganz ebenso wie ihn wird sein Vater auch uns auferwecken, die wir an ihn glauben durch Jesus Christus, ohne den wir das wahre Leben nicht haben.“ Ignatius wehrt sich vehement gegen den Doketismus seiner Zeit, welcher die Materie als niedrig und böse versteht und die dem Christus nur einen Scheinleib zuschreibt. Jesus sei immer Gott geblieben und habe sich nie mit der physischen Existenzform des Menschen verbunden. Später ging der Doketismus in der Gnosis auf, von deren Lehren die meisten doketisch sind. So schreibt Ignatius über die wirkliche Menschwerdung Jesu weiter: „Denn er hat dies alles unseretwegen erlitten, damit wir errettet würden; und wahrhaftig litt er, wie er sich auch wahrhaftig auferweckte, nicht wie einige Ungläubige sagen, er habe nur zum Schein gelitten, während sie selbst nur zum Schein existieren. (…) Denn ich weiss und glaube, dass er sogar nach seiner Auferstehung im Fleische war. (…) Nach seiner Auferstehung ass und trank er mit ihnen als leibhaftig, obgleich er geistlich mit dem Vater vereinigt war.“ Ignatius, der vielleicht erste Kirchenlehrer überhaupt bringt in einem Lobpreis die Inkarnation Jesu so dicht zum Ausdruck, wie es ähnlich etwas später im ältesten Glaubensbekenntnis, dem Romanum, einem römischen Taufbekenntnis aus der Mitte des 2.Jh. und noch später im apostolischen Glaubensbekenntnis formuliert wurde. Ignatius schreibt in seinem Lob Christi, dass Jesus folgendes ist: „Wahrhaftig aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleische, Sohn Gottes nach Gottes Willen und Macht, wahrhaftig geboren aus einer Jungfrau, getauft von Johannes, auf dass alle Gerechtigkeit von ihm erfüllt würde, wahrhaftig für uns angenagelt im Fleische unter Pontius Pilatus und dem Tetrarchen Herodes – von der Frucht, von der wir stammen, von seinem gottseligen Leiden – auf dass er für ewige Zeiten ein Wahrzeichen aufrichte durch seine Auferstehung für seine Heiligen und Glaubenden, ob unter den Juden oder unter den Heiden, in dem einen Leibe seiner Kirche.“ Darstellung im Tempel und Flucht nach Ägypten

Acht Tage vergehen in Bethlehem, die Volkszählung geht ihrem Ende entgegen, falls sie nicht schon vorüber ist, da gehen Joseph und Maria mit ihrem Baby nach Jerusalem hinüber, um der Weisung des Mose nachzukommen (Lk 2,21-24). Jesus wird beschnitten, da am achten Tag der Blutfluss geringer ist als vorher. Wie wir schon in der Tora gesehen haben (1.Mo 17,12) weist Beschneidung darauf hin, dass am Leib des Mannes sichtbar wird, dass Israel im Bund mit Gott steht. Dass bei diesem Bund Blut fliesst besiegelt seine bindende Kraft, dass durch die Beschneidung dem Fleisch etwas abgeschnitten wird, deutet auf den Prozess der Heiligung des gefallenen Fleisches hin. Am achten Tag bedeutet deshalb auch, dass etwas Neues beginnt, auf einer höheren Ebene, auf der Oktave das Menschsein gelebt wird durch die Heiligung in der Beschneidung. Dass äusserliche Beschneidung ohne Beschneidung des Herzens nichts nützt, haben die Propheten dem Mose nachgeliefert.

Maria hat nun Anrecht auf ein Tauchbad in einem der rituellen Bäder im Tempelareal. Nach der Geburt war es für die Mutter wichtig, sich nach dem lebensgefährlichen Prozess des Gebärens umfassend wieder herstellen zu lassen. Um einer Kindbett Depression zu entgehen oder anderen Schwierigkeiten, hatte der Herr verordnet, dass die Frau ein reinigendes Bad erhalten solle, zum Wohl der Seele würden wir heute ergänzen, und zum Abwaschen aller Unreinheit (3.Mo 12). Unreinheit bedeutet „Gelebt werden“, ein Mensch erlebt etwas an sich, was einfach geschieht, das er gar nicht will, er wird gelebt anstatt zu leben. Alles was zum Leben nach den guten Schöpfungsabsichten Gottes führt ist rein, was nicht zum Leben führt ist unrein. Nun hat die Geburt zwar zum Leben eines Kindes geführt aber die Mutter und das Kind sind übergrossen Gefahren ausgesetzt gewesen. Dabei hat die Mutter extreme Schmerzen aushalten müssen, das Kind musste kommen, sie konnte nicht ausweichen, sie musste durch den Geburtsprozess hindurch, wurde unausweichlich gelebt, um neuem Leben Raum zu schaffen. Darum hat sie nun, nach der Geburt eines Knaben, 33 Tage der Ruhe, Reinigung, Wiederherstellung zu gute. Bei einem Mädchen sogar 66 Tage, wohl deshalb, weil sie mit einem Mädchen noch mehr verbunden ist als Mutter und deshalb genügend Zeit bekommt für Regenerierung und Intimität mit der Tochter.

Das frisch gebackene Elternpaar heiligt nun Jesus dem Herrn, wie jede Erstgeburt Gott geheiligt und anvertraut werden durfte (2.Mo 13,2.15.22.28 / 4.Mo 18,15). Um sich nicht an das Kind zu hängen, was beim erstgeborenen Kind gerne geschieht, weihte man es dem Herrn, der es gegeben hatte. So liessen auch Maria und Joseph den Jesus los in die Hände des Vaters und sie brachten die entsprechenden Opfer dazu. – Jetzt schenkt Gott zwei Begegnungen während der Zeit der kleinen Familie im Tempel (Lk 2,25-38). Der Heilige Geist, der bei Lukas sehr wichtig ist, hat Simeon, einem gottesfürchtigen Mann, der auf den Trost Israels wartete, gesagt, er würde nicht sterben, bevor er den Messias des Herrn gesehen hat. Wie nun Simeon, geleitet durch den heiligen Geist, das Elternpaar mit dem Kind sieht, erkennt er sofort, dass sein Tag gekommen ist. Er nimmt das Kindlein auf seine Arme, lobt Gott und sagt: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.“ (V.29-32) Der Greis redet Maria aber auch zu Herzen, dass es nicht immer leicht werden wird, da Jesus zu einem Zeichen gesetzt sei, dem widersprochen werden wird, und dass auch durch ihre Seele ein Schwert dringen wird. Wie oft muss sich Maria an dieses Wort erinnert haben, zum letzten Mal, als sie den Anblick Jesu am Kreuz nicht mehr aushalten konnte. Dann kommt eine alte Frau hinzu, Hanna, eine Prophetin, schon lange verwitwet. Sie hatte ihr ganzes Leben seit ihrer Ehe im Tempel verbracht, mit Beten und Fasten, Tag und Nacht. Nun ist sie 84 Jahre alt, sieht Jesus, lobt Gott und beginnt mit allen über ihn als die Erlösung Jerusalems zu sprechen.

Matthäus berichtet über diese Zeit im Leben Jesu eine Reihe von Dingen, die nur er aufgeschrieben hat. Die bekannte Geschichte der Magier aus dem fernen Osten (Mt 2,1-12), die Flucht nach Ägypten (2,13-15), der Kindermord in Bethlehem durch Herodes (2,16-18) und die Rückkehr der kleinen Familie nach Nazareth (2,19-23). Dass gelehrte und gebildete Menschen aus dem anderen Ende der Erde kommen, da sie als Sternkundige einen sehr auffälligen Stern entdeckt haben und daran glauben, dass dies etwas zu bedeuten hat, hat dem Matthäus deutlich gemacht, dass der Herr durch dieses Geschehen zeigt, dass sein Sohn und Messias für die ganze Welt gekommen ist. Fremde kommen und finden den Retter, genau so haben es die Propheten immer wieder gesagt, genau dazu hat Gott schon Abraham und Sara berufen, ein Segen zu sein für alle Menschen. Der Stern von Bethlehem, wie wir ihn nennen, ist die wunderbare und seltene Erscheinung der astronomischen Konstellation, in der Jupiter und Saturn zusammentreffen. Es ist astronomisch erwiesen, dass dies einmal in 800 Jahren geschieht, und dass es 7 v.Chr. zustande kam, nachher wieder 800 und 1603 n.Chr. Das Jahr 7 v.Chr. ist das Geburtsjahr Jesu, da Herodes 4 v.Chr. starb und Jesus vorher zwei oder drei Jahre in Ägypten war. Dass nach dem Sondergut des Matthäus Herodes einen möglichen Konkurrenten brutal ausschalten will, liegt auf der Hand. So lebte und regierte Herodes. Die Anzahl der Knaben, die dabei ermordet wurden, liegt bei ungefähr 20, mehr können es nach der Einwohnerzahl Bethlehems damals nicht gewesen sein. Dass dies Ganze an den Kindermord in Ägypten erinnert, will Matthäus bestimmt zum Ausdruck bringen. Damals stand der grosse Exodus bevor, jetzt ist der Exodus der Herzen vor der Türe. Dass schliesslich Maria und Joseph mit Jesus nach Ägypten flohen, nimmt diesen Zusammenhang nochmals auf und erkennt damit auch die zweite Erfüllung der Verheissung des Propheten Hosea, nach der ersten im Exodus Israels, des Sohnes Gottes: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“ (Hos 11,1) Jesus verbringt also seine ersten zwei bis drei Lebensjahre im Exil in Ägypten, als Flüchtling. Er, der Sohn Gottes, erfährt zu Beginn seines Lebens die Schwierigkeiten und das Leid aller Flüchtlinge der Menschheitsgeschichte, damit er auch darin jedem nachfühlen kann, denn als Säugling muss dieses Erlebnis besonders einprägend gewesen sein.

Herodes stirbt im Jahr 4 v.Chr. Der Engel des Herrn wird nochmals aktiv und leitet die Familie sicher zurück nach Nazareth, „damit erfüllt würde, was gesagt ist durch die Propheten: Er soll Nazoräer heissen“ (Mt,2,23b). „Nazareth“ kommt von der hebräischen Wurzel, welche „Spross“ bedeutet, und erinnert uns an Jes 11,1, dass aus dem abgehauenen Stumpf Isai ein Spross (Knospe, Zweig) hervorgehen wird. Die messianische Verheissung aus Jes 11 und ihre Erfüllung in Jesus wird klar, ohne dass Matthäus sie wörtlich erwähnt, wie er es sonst meist tut

DIE TAUFE JESU
Beginn seines öffentlichen Auftretens

Finstere Zeiten in Rom und Juda

Gut 15 Jahre vergehen, Jesus nimmt zu an Weisheit, Alter und Gunst bei Gott und den Menschen (Lk 2,52). Aufs Ganze gesehen liegt eine grosse Stille über den rund 30 Jahren zwischen Geburt und Taufe Jesu. Im römischen Reich laufen viele Dinge aus dem Ruder. Die Regierung des Kaisers Augustus (30 v.-14 n.Chr.) markiert einen Höhepunkt und eine Krise gleichzeitig. Was war geschehen? In der Millionenstadt Rom waren riesige soziale Unterschiede, die Hälfte der Einwohner waren Sklaven.
Der moralische Zerfall hatte enorme Masse erreicht, die Reichen und Angesehenen lebten in Saus und Braus, Familie und Ehe hatten ihren Stellenwert weitgehend eingebüsst, Abtreibungen waren an der Tagesordnung. Das Judentum war ein Hoffnungsschimmer inmitten des Zerfalls. Die römische Philosophie hatte keine Kraft mehr, sie konnte keinen Lebenssinn, keine wirklichen Perspektiven mehr vermitteln. Weder die stoische noch die epikureische Richtung der Philosophie gaben Halt. Cicero war einer der wenigen, die an das Weiterleben der Seele nach dem Tod glaubten, aber auch dies würde nur eine kurze Zeit dauern. Die ganze Welt, so nahm man immer mehr an, würde in Flammen aufgehen und aufhören zu existieren. Atheismus und Verzweiflung nahmen überhand, Aberglaube und Blasphemie überfluteten nach und nach das römische Reich. Philosophie und Religion boten keinen Halt mehr. Seneca, Philosoph, Naturforscher und Politiker sehnte sich nach irgendeiner Macht, welche die Last der Verzweiflung von den Menschen wegheben würde. Tacitus, Historiker und Senator in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts, beschrieb das ganze Leben als eine grosse Farce. (Edersheim 178-180).

War Augustus 45 Jahre lang ein milder Kaiser gewesen, so waren seine Nachfolger ganz anders, und sie regierten alle viel kürzer als er. Tiberius, der nächste auf dem römischen Thron, war ein harter Kaiser. Er war allem Jüdischen feind und begann, die Juden Roms zu verfolgen. In Israel setzte er einen gleichermassen harten und feindlichen Prokurator ein. Dieser wechselte den Hohepriester vier Mal aus, bis er in Kaiphas ein Instrument hatte, welches ihm untertänig genug war, damit er seine Macht im Land Kanaan voll ausüben konnte. Die Ablehnung gegenüber allem Jüdischen, die Gewalt, Brutalität und Grausamkeit, mit der über die jüdische Gemeinschaft geherrscht wurde, erreichte einen Höhepunkt, der in der Einsetzung von Pontius Pilatus noch übertroffen wurde. Pilatus regierte als Prokurator von 26–36 n.Chr., Kaiser Tiberius 14-37 n.Chr., beide waren im Amt während der ganzen Zeit des öffentlichen Wirkens Jesu bis zu dessen Tod und Auferstehung. Mit dem Tod des Königs Herodes endete das Königreich. Das Land wurde in vier Herrschaftsbereiche aufgeteilt: Judäa mit Jerusalem kam unter direkte Administration Roms. Der Rest des Landes wurde eine Tetrarchie, die beiden Söhne von Herodes übernahmen Galiläa und Peräa (Herodes Antipas) und Ituräa (Philippus), Lysanias bekam Abilene. Die negative und brutale Haltung der römischen Herrscher spiegelt sich in der religiösen jüdischen Leitung in Jerusalem. Im Talmud werden die Hohepriester beschrieben als selbstbezogen, Luxus orientiert, gewalttätig, ungerecht, so dass sich die Schechina zurückzog (Pes. 57a / Joma 35b / Tos. Set. 14).

Das Himmelreich ist nahe – die Taufe des Johannes

Wie schwierig muss das Leben für irgendeinen Menschen im römischen Reich gewesen sein zu dieser Zeit, wie bedrückend wird ein Bewohner „Palästinas“ alles empfunden haben, ob er in Jerusalem oder irgendwo auf dem Land lebte. Da, inmitten von allem Deprimierenden, erschallt der Ruf des Kommens eines Königreichs. Jetzt, wo alle, auch die Gläubigen, im Trott eines belastenden Alltags untergingen, hört man von Neuem, Hoffnungsvollem. „Tut Busse, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ (Mt 3,2) Johannes, der berufene Vorläufer des Messias, ist erwachsen geworden, hat sich vom Geist Gottes in die Wüste Juda führen lassen und lebt dort auf einfachste Weise. In Bethabara (Jh 1,28), ein gutes Stück vom Toten Meer Jordan aufwärts, beginnt er zu taufen. Matthäus sieht in diesem Auftreten die Erfüllung von Jes 40,3, wo der Prophet von dem spricht, welcher den Weg des Herrn bereitet. Johannes übernimmt die Einrichtung des Tauchbads, die seit Mose bekannt war. Es war das Bad der Reinigung von Unreinheiten, wie wir als ein Beispiel schon bei Maria nach der Geburt gesehen haben. Johannes interpretiert es aber neu, er tauft, damit ihre Sünden abgewaschen werden. Das rituelle Tauchbad wird zur Sündertaufe, durch die dem Menschen vergeben wird.

Neben der Taufe bringt Johannes die Botschaft des kommenden Himmelreichs oder Königreiches der Himmel. Auch dies war nicht eine neue, unbekannte Botschaft. Die späten Propheten reden vom anbrechenden Königreich (Sach 14,9 / Dan 7,13f.). Drei Aspekte beinhaltete dieses Königreich: Universalität, Göttlichkeit und Dauerhaftigkeit (Edersheim 184). Dies war als allgemeine Lehre bekannt im Land. Auch die Rabbiner waren bestens mit der Erwartung und Realität eines königlichen Himmelreiches vertraut. Nur erwartete man dieses Reich Gottes so, dass es auf wunderbare Weise zu Israel käme durch den Messias. Johannes aber ruft zu Busse auf, was vom griechischen Urwort her nichts anderes meint als umdenken, anders denken, neu handeln. Er ist gesandt, damit Israel anders zu denken und zu leben beginnt, und das beinhaltet primär die Bereitschaft, die eigenen Sünden zu bringen und sich von ihnen reinigen zu lassen. Das Israel seiner Zeit war aber überzeugt, dass es durch die Verdienste der Väter, vor allem Abrahams, gerettet würde, ja dass ganz Israel auf diese Weise Rettung fände. Diese weit verbreitete Meinung finden wir in Jh 8,33, aber auch bei Philo und Josephus, überhaupt in vielen rabbinischen Schriften. Wir merken, wie sehr Johannes Widerspruch hervorrufen musste und verstehen nun, dass vor allem die einfachen Leute und all diejenigen zu ihm kamen, welche ein demütiges Herz hatten und keine andere Hoffnung auf Rettung und Leben als durch Gottes Vergebung und Güte.

Jesus lässt sich taufen

Nebst präzisen Angaben zu den politischen und religiösen Regierungsverhältnissen im Land gibt Lukas auch die genaue Jahreszahl des Auftretens des Täufers an (Lk 3,1f.). Wir befinden uns im Jahr 26. Das bedeutet, dass Jesus nun 33 Jahre alt ist. Dies ist durchaus möglich, denn Lukas bezeichnet sein Alter mit ungefähr 30 Jahren (Lk 3,23). Vielleicht hat Johannes im Herbst des Jahres mit seinem Dienst angefangen, sein Ruf erreichte schnell das ganze Land, Jesus hörte davon und ging ein paar Monate später, wohl nach dem Winter, selber zu Johannes. So etwa könnte der Verlauf gewesen sein. Die Menschen strömen immer mehr zu Johannes, die Frage kommt auf, ob er der Messias sei. Die Kraft seines Wirkens ist so stark, die Macht seiner Worte derart klar und durchdringend, dass die Himmelreicherwartung wächst. Wie Johannes dies merkt, gibt er eine unmissverständlich Antwort: „Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber einer, der ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, dass ich ihm die Riemen seiner Schuhe löse; der wird euch mit dem heiligen Geist und mit Feuer taufen.“ (Lk 3,16) Johannes konfrontiert offen die erwähnte allgemeine Meinung, die Menschen würden durch die Vaterschaft Abrahams gerettet. „Ich sage euch: Gott vermag Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken.“ (Mt 3,9b) Stattdessen kündet er den wahren Messias an, der mit dem heiligen Geist taufen wird. Dies war neu, wer würde dies tun können, den Geist des Herrn verleihen? Dies konnte nur durch Gott selber oder durch seinen Messias und Sohn geschehen.

„Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, damit er sich von ihm taufen liess.“ (Mt 3,13) Was nun geschieht, ist so kurz und schlicht beschrieben, dass es jeder religiösen Ausschmückung völlig entbehrt. Einfach und unauffällig kommt Jesus, wohl aus seiner bisherigen Heimat Nazareth, herab an den Jordan, und bittet darum, dass Johannes ihn tauft. Mit der Sündertaufe will er getauft werden! Ganz eins machen will er sich mit den gefallenen, sündigen, leidenden Menschen. Was für eine Herzenshaltung! Das Gegenteil der stolzen und selbstsicheren religiösen Leiter des Landes, das genaue Gegenstück der gewalttätigen Herrscher. Der Messias kommt in Herzensdemut und bittet um die Sündertaufe. Er stellt sich auf die Ebene des Menschen, fühlt sich nicht besser als sie, distanziert sich nicht von ihren Schwachheiten und Fehlern, sondern will mit ihnen eintauchen in das Reich Gottes, das er bringt und das nun mit ihm zu den Menschen kommt.

Johannes will es ihm verwehren, will sich von ihm taufen lassen, aber Jesus gibt nicht nach. „Lass es jetzt geschehen! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“ (Mt 3,15b) Jesus kommt, um die ganze Gerechtigkeit wieder herzustellen, die volle Beziehungsgerechtigkeit und Treue zwischen Gott und Mensch und zwischen Mensch und Gott. Stellt er sich schon jetzt bei seiner Taufe unter alle menschliche Ungerechtigkeit und Beziehungsuntreue zum Herrn, nimmt er jetzt schon zeichenhaft und real die Sünde der ganzen Welt auf sich? So scheint es der Evangelist Johannes zu beschreiben, kurz nachdem Jesus getauft war (Jh 1,29). Vielleicht ist dies zu viel interpretiert, sicher ist, dass Jesus einfach gehorsam ist und das tut, was alle tun, die sich taufen lassen. Er stellt sich in die Reich Gottes Hoffnung hinein als ganz normaler Mensch, der er geworden ist. Er, der Gott Mensch, wie ihn die Evangelien durchwegs darstellen, in dem beide Naturen, die göttliche und die menschliche, ganz vereint sind, ist der, welcher die ganze Zeit sich selber verleugnet, seine Göttlichkeit verbirgt in seiner Menschlichkeit, in ganzer Herzensdemut. In seiner Menschwerdung will er der Menschensohn sein, seine häufigste Selbstbezeichnung, nicht der Gottessohn, weil er den Menschen erreichen will, ihn ins Leben hinein rufen möchte, in der Vollmacht des Gottessohnes, den er verborgen hält in göttlicher Demut.

Jesus taucht unter im Jordanwasser. Wie er heraufkommt und betet, geschieht ein Zeichen aus dem Himmel. „Da tat sich der Himmel auf, und der heilige Geist kam herab auf ihn in leiblicher Gestalt, wie eine Taube, und eine Stimme kam aus dem Himmel: ‚Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden.“ (Lk 3,22) Nun geschehen Dinge, die so noch nie passiert sind. Der Heilige Geist Gottes selber kommt aus dem geöffneten Himmel herab auf Jesus, und dies in einer leiblichen Gestalt, die er annimmt. Leibhaftig kommt der Geist des Herrn, nicht nur symbolisch oder zeichenhaft, sondern in Person legt er sich auf den Messias! Dies ist eine recht präzise Erfüllung von Jes 11,2, welche besagt, dass der Geist des Herrn auf dem Messias ruhen wird. Rabbinische Auslegung versteht Jes 11 als messianischen Abschnitt. Der Messias ist ein Geist Messias. Und nun kommt der heilige Geist aus dem Himmel und bleibt auf Jesus von Nazareth. Die Form, die er annimmt, ist die einer Taube. Das bedeutet, er kommt friedlich, sanft, zart. Kein Feuer erscheint, kein mächtiger Sturm, kein überraschendes Wunder oder übernatürliches Zeichen, eine Taube setzt sich auf Jesus, und dies ist der Heilige Geist in Person. Wie eine Taube wird der Messias fortan wirken, man wird ihn wegscheuchen können, verneinen, ignorieren, verfolgen und umbringen, wie eine Taube. Wie dieses schwache und doch freie Tierlein wird er wirken, ganz vom Vater im Himmel abhängig, sich in die Hände der Menschen begeben wie eine Taube, in der Hoffnung auf Annahme. Dies wird ihn gerade legitimieren, später den Geist des Herrn zu geben, wie wir schon gesehen haben. Das gab es noch nie, nur der Vater und der Sohn können dies, nur diese drei sind zusammen Gott, eins in allem. Wir sehen hier bei Jesu Taufe die innige und liebevolle Gemeinschaft der göttlichen Personen, das freie und herzliche Zusammenwirken innerhalb Gottes, die wunderbare und in Liebe gegründete gegenseitige Abhängigkeit und Freiheit zugleich von Vater, Sohn und Geist. Wie sie bei der Schöpfung zusammengingen und handelten, so auch jetzt wieder bei der anhebenden Neuschöpfung im Messias.

Noch etwas geschieht, eine Stimme erschallt aus dem Himmel. Das war nicht völlig neu, in der Bath Qol (Stimme der Tochter oder Tochterstimme) erfuhr Israel immer wieder das überraschende Reden des Herrn. Nach dem babylonischen Exil, als die Prophetie langsam zurückging und aufhörte, erlebten die Israeliten dafür hie und da Gottes konkrete Leitung, wenn sie Fragen und Probleme hatten. Plötzlich hatte einer der Anwesenden im Rat der Lehrer und Ältesten einen klaren Eindruck, welcher Antwort auf offene Fragen oder Rat für ungelöste Situationen war. Sie nannten dies eben die Bath Qol, also nicht mehr das starke prophetische Reden Gottes wie früher, aber so etwas wie ein Echo jenes Wirkens des Herrn, wie eine Tochter des Vaters, welche immer noch sehr hilfreich war. Hier aber geschieht mehr. Die Stimme aus dem Himmel hat eine kristallklare Botschaft in Bezug auf die eine Person, zu der sie spricht, den Messias aus Nazareth. „Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen haben.“ Bisher wurde ganz Israel als Sohn des Herrn bezeichnet, schon bei Mose. Dasselbe hören wir in den Psalmen. Dann wird dem David verheissen, dass der Herr seinem Nachkommen Vater und der Nachkomme der Sohn des Vaters sein wird (2.Sam 7,14). Die Sohn David und die Sohn Gottes Erwartungen hatten viel mit diesen Aussagen des ersten Bundes zu tun. Jetzt sagt der himmlische Vater direkt aus dem Himmel bei der Taufe Jesu, dass dieser Jesus sein persönlicher Sohn sei, und darüber hinaus, dass er Wohlgefallen, Freude an ihm gefunden habe. Die Zeitform des Griechischen überrascht, sie beschreibt nicht einen Zustand, der schon immer galt, sondern etwas Neues, das eben erst gerade eintritt. Offenbar freut sich der Vater im Himmel darüber, dass Jesus so handelt, wie es seinem Herzen entspricht, und sich taufen lässt. Das macht klar, dass Jesus nicht eine Marionette des Vaters war, nicht gesteuert oder gar manipuliert. Er war ein freier Mensch, genau so frei wie alle Menschen, die der Herr in seiner Liebe erschaffen hat. Der Vater ist immer bei Jesus, liebt ihn und hofft, dass er an seiner Hand für das geht, das richtig und gut ist. Und Jesus tut dies, von Anfang an, jetzt bei seiner Taufe.

Was dies alles für Jesus selber bedeutet hat, können wir nur erahnen. Was er vorher auch immer in sich wahrgenommen hat über seine Identität und Berufung, über sein ewiges Sohn sein vor seiner Menschwerdung, jetzt hört er es ganz klar. Der Vater bekennt sich zu ihm vor allen Menschen. Er selber hört es, und wie glücklich muss es ihn gemacht haben, wie sehr wird seine innere Sicherheit und Geborgenheit in seinem Vater ganz geworden sein. Wie klar werden es die umstehenden Menschen gehört haben, und wie sicher werden sie von nun an gewesen sein, dass dieser der versprochene Retter Israels und aller Menschen ist, als der eine vom Vater geliebte Sohn.

Matthäus hört die Stimme aus dem Himmel ein klein wenig anders: „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.“ (Mt 3,17) Wenn wir von unserem modernen, westlich geprägten Geschichtsverständnis ausgehen, könnten wir hier eine historische Ungenauigkeit orten. Zwei Zeugen stimmen nicht genau miteinander überein, was die Frage aufwerfen kann, wer der richtige Zeuge sei. Es kann die Vermutung nahelegen, dass das Neue Testament historisch ungenau sei. Diese Fragen können wir alle an die Texte stellen. Die Frage aber, die sich an solches Fragen stellt, ist: Fragen wir aus unseren Sichtweisen heraus, in denen wir heute stehen? Oder sind wir bereit, die Art und Weise zu entdecken, nach der die Menschen und Zeugen des Lebens Jesu damals dachten, empfanden und schrieben?

Wenn wir uns auf die damalige Zeit und ihre Weise der Berichterstattung einlassen wollen, dann fällt uns zuerst auf, dass Matthäus doch wohl der Jünger Jesu mit dem Beinamen Levi war, den er als Zöllner antraf und ihn in seine Nachfolge berief (Mt 9,9ff / Lk 5,27ff). Matthäus war also Levit, dazu Geschäftsmann, ein jüdischer „Business man“. Nachdem er das ganze Leben, Sterben und Auferstehen Jesu miterlebt hatte und die Zeit danach, schreibt er seinen Bericht, und der ist typisch jüdisch und für Juden verfasst. In seiner Erinnerung an die Taufe Jesu hat sich der Satz festgeklammert: „Dies ist mein Sohn…“, also eine klare Deklaration über und ein unmissverständliches Bekenntnis des Vaters im Himmel zu Jesus als seinem Sohn. Damit möchte Matthäus mit seiner Schrift seinen jüdischen Volksgenossen bezeugen, dass der Vater es selber so gesagt hat, „Dies ist …“ Da gibt es nichts zu rütteln, und weil der Vater es so formuliert hat, kann Israel es glauben und annehmen, es ist rechtsgültig. Lukas ist Grieche, nach Israel gekommen, um allem nachzugehen. Sein Herz schlägt durch sein ganzes Evangelium hindurch für die Armen, Entrechteten, Schwachen, für die Frauen und Kinder, für die Sünder und Zöllner und auch die Samariter. Gleichzeitig ist die universale Bedeutung der Sendung Jesu von grosser Wichtigkeit für ihn. Lukas ist auf Beziehungen aus, die der Vater aufbaut, heilt und wiederherstellt. Beziehungssprache sagt aber: „Du bist mein …“ Der Vater will es seinem Sohn direkt zusprechen, und Jesus soll es unmittelbar vom Vater hören, und die umstehende Menschen auch.
Macht es nun Sinn zu fragen, welches das Ursprünglichere war, welches der beiden historisch genauer sein könnte, oder die These zu verfolgen, dass hinter den Berichten ein verloren gegangenes Urevangelium sein könnte, eine alte und primäre Quelle, die den Evangelisten zur Verfügung stand, vielleicht sogar noch in Aramäisch? Greifen wir da nicht zu kurz, riskieren wir mit solcher Untersuchung nicht am Wesen des biblischen Zeugenverständnisses vorbei zu gehen? Wenn zwei Menschen einem Unfall zusehen heute, werden sie unterschiedliche Berichte verfassen. Beide zusammen kommen dem eigentlichen Geschehen näher als nur einer, gerade wenn sie Unterschiede beinhalten. Aus der Rekonstruktion mehrerer Zeugen fällen auch heutige Gerichte noch ihr Urteil. Dazu kommt, dass hier der Heilige Geist selber mit im Spiel ist. Und das ist er immer, seit der Schöpfung und für immer. Gott selber sorgt also auch durch seinen Geist, dass die Zeugen hören, memorisieren und dann schreiben können, so war es schon im ersten Bund, dem Alten Testament, so ist es im neuen Bund und so ist es seither immer gewesen. Dadurch, dass Matthäus und Lukas ein Detail unterschiedlich beschreiben, tun sich uns als Leser zwei Aspekte auf, und beide beinhalten etwas Kostbares, beide ergänzen sich und geben miteinander eine grössere Breite des Geschehens. – Matthäus und Lukas haben, wie alle Evangelisten, Griechisch geschrieben, weil es die damalige Weltsprache war. Ist dadurch etwas verloren gegangen? Kaum, aber es macht Sinn, das Hebräische und Aramäische hinter den Aufzeichnungen zu hören und zu beachten, zu rekonstruieren ist es aber nicht ganz. Gott ist grösser als die Sprache und sein Geist hilft dem Menschen, seine Botschaft zu verstehen. Das neutestamentliche Griechisch, das Koine Griechisch, ist ein einfaches Griechisch, das zusätzlich durchsetzt ist mit Aramäischen und Hebräischen Worten. Es ist nicht zu vergleichen mit dem anspruchsvollen Griechisch der Philosophen.

Wenn wir schon bei den Evangelisten sind soll eine Kurzbeschreibung der anderen beiden Raum haben. Markus ist vermutlich der junge Mann gewesen, der in der Passionsgeschichte vorkommt, dessen Vater das Haus besass, in dessen grossem Obergemach das Passamahl gefeiert wurde und später die Geistausgiessung stattfand. Die Mutter von Markus hiess Maria, bei ihr trafen sich die führenden Persönlichkeiten der Urgemeinde (Apg 12,12). Markus verfasst sein Evangelium kurz und knapp, damit es die griechisch sprachige Welt lesen kann, vor allem die römische Gemeinde Jesu braucht es. Markus, israelischer Jude, schreibt also für die Heiden, deshalb erklärt er viele jüdische Ausdrücke und betont die Kraft und Autorität Jesu als des Sohnes Gottes und Herrn über alles. Johannes ist der Sohn des Zebedäus, der Jünger und Apostel Jesu. Sein Evangelium ist galiläisch, es beinhaltet sprachliche Ausdrücke und Wendungen, die typisch waren für das Galiläa der Zeit Jesu. Während die
anderen drei Evangelien, die Synoptiker, vorwiegend Jesu Wirken in Galiläa berichten, erzählt Johannes neben den Ereignissen in Galiläa viel über Jesu Wirken in Jerusalem. Johannes gibt viele genaue Zeitangaben, die einen ungefähren Ablauf des Lebens Jesu ermöglichen. Sie legen zusätzlich nahe, dass die gesamte Zeitdauer des Wirkens Jesu insgesamt ziemlich genau zwei volle Jahre lang war. Johannes scheint Jesus sehr nahe gestanden zu sein, er berichtet Dinge, welche die anderen nicht bemerkt oder auch gar nicht erlebt haben. Einerseits betont er die Herrlichkeit und Gottessohnschaft am stärksten aller Evangelien. Andererseits berichtet er über das Innenleben Jesu, welches er viel stärker erfasst hat als die anderen, auch die nahen Begegnungen Jesu mit Menschen. Obwohl Johannes später offenbar in Ephesus lebte und wirkte behält sein Bericht dieses typisch Galiläische. Entgegen der Meinung vieler Forscher ist das Johannesevangelium gerade nicht das späteste, höchstens die Abfassungszeit, sondern Joh ist eher das älteste der Evangelien, jedenfalls das Urwüchsigste